E-Science und ihre neuen Interfaces. Technische und institutionelle Transformationen der Wissenschaft und deren forschungspraktische Folgen am Beispiel der Geisteswissenschaften (TextGrid) und der Klimaforschung (C3-Grid)
Sonja Palfner (TU Darmstadt)
ABSTRACT
Seit einigen Jahren wird die e-Infrastrukturentwicklung in der Wissenschaft vorangetrieben. Ziel ist es, Forschenden den Zugriff auf geographisch verteilt liegende Daten und virtuelle Arbeitsumgebungen zu bieten und damit Analysemöglichkeiten sowie kollaborative Arbeitsweisen unabhängig von zeitlichen und räumlichen Restriktionen zu ermöglichen. Das Forschungsvorhaben „E-SCIENCE UND IHRE NEUEN INTERFACES", das ich in diesem Beitrag vorstellen möchte und das voraussichtlich im Herbst 2010 beginnen wird (Förderung durch das BMBF), analysiert die Transformation der Wissensproduktion durch e-Infrastrukturentwicklung am Beispiel von TextGrid, einer modularen Plattform für verteilte kooperative wissenschaftliche Textverarbeitung und zieht vergleichend C3-Grid, ein neues virtuelles Gesamtsystem für die Erdsystemforschung, heran.
In diesem Beitrag möchte ich erstens das Forschungsvorhaben vorstellen und zweitens möchte ich die Dimensionen von Räumlichkeit und Zeit im Zusammenhang mit der Transformation von Wissenschaft in e-Science diskutieren.
Ausgangsbeobachtung ist der wissenschaftliche Wandel hin zu e-Science, einer „Datenzentrierten Wissenschaft" (Jannidis et al. 2009: 6), mit welcher neue Herausforderungen in der Wissensproduktion, -distribution und -archivierung einhergehen. Diese Entwicklung ist in den Natur- und Technikwissenschaften maßgeblich an den Einsatz der Simulation als Instrument der Wissensproduktion gekoppelt (Gramelsberger 2010). Durch die Entwicklung der Computertechnologie, führt der Einsatz von Modellen und Simulationen zu einem enormen Zuwachs an Daten. Für die Geistes- und Sozialwissenschaften ergibt sich ein anders gelagertes Bild, da hier die Entwicklung digitaler kollaborativer Methoden und Werkzeuge für den zeit- und ortsunabhängigen Zugriff auf verteilte Ressourcen (bspw. TextGridLab) und Aspekte der Langzeitarchivierung heterogener Daten (bspw. TextGridRep) im Mittelpunkt stehen. Um die Differenz zwischen den Natur- und Technikwissenschaften und den Geisteswissenschaften bei der Entwicklung neuer elektronischer Infrastrukturen und Services zu markieren, wird die Entwicklung in den Geisteswissenschaften auch als e-Research definiert (Beaulieu/Wouters 2009). Und dennoch weisen Äußerungen im Kontext der Digital Humanities darauf hin, dass e-Science disziplinenübergreifend - also auch (prospektiv) für die Geisteswissenschaften - eine Zusammenführung von Experiment, Theorie und Simulation bedeutet (Jannidis et al. 2009: 6). Trotz der Unterschiede zwischen den Fächern erscheint die Transformation der Wissenschaft in e-Science als ein neuer Ansatz, um wechselseitige Synergien zu ermöglichen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie die Spezifik der jeweiligen Fachkulturen dabei zum Tragen kommt und in welcher Form mögliche Transformationen die Wissenschaftspraktiken und Erkenntnisse verändern werden.
Die Transformation von Wissenschaft in e-Science durch neue elektronische Infrastrukturen und Services ist mit einer Re-Strukturierung des Systems Wissenschaft, einem Wandel der Forschungspraktiken sowie mit neuen Akteurskonstellationen aus dem akademischen und kommerziellen Sektor verbunden. E-Science verändert die Arbeitsstrukturen und Interaktionen der Wissenschaft, erweitert Akteurskreise (bspw. durch kommerzielle und nichtkommerzielle Akteure außerhalb der Wissenschaft) und stellt neue Anforderungen und Erwartungen an das Verhalten der Beteiligten. Die Aufgabenteilung ist im Fluss. In den Geisteswissenschaften entsteht mit TextGrid ein „digitales Ökosystem" (Küster et al. 2009), das sich durch seine „Offenheit und Bereitschaft zum permanenten Wandel" (ebd.) auszeichnet und eine „neue Art der Effizienz und Qualität in wissenschaftliches Arbeiten" (Neuroth et al. 2007: 273) bringen soll. Neue technische und institutionelle Interfaces entstehen, die für das Gelingen der e-Science maßgeblich verantwortlich sind, da sie der Interaktion zwischen den Teilsystemen und ihren Akteuren dienen (Mensch-Maschine, Mensch-Objekt, Mensch-Mensch). Gleichzeitig wirken sie auf die Praxis der beteiligten Akteure ein, weil sie die Möglichkeitsräume für das Handeln mitbestimmen. Deshalb ist ihre Gestaltung und die Reflexion dieser Prozesse von zentraler Bedeutung, da sie sowohl die institutionelle Verfasstheit als auch die Wissensproduktion maßgeblich beeinflussen (werden).
Zu nennen sind dabei erstens Virtuelle Forschungsumgebungen als technische Interfaces und zweitens Kompetenzzentren als institutionelle Interfaces. Sie bilden den empirischen Forschungsgegenstand des geplanten Projektes und werden im Hinblick auf folgende Dimensionen analysiert:
* Wandel der Interaktionen von Forscher und Forschungsgegenstand, von Teilsystemen (Wissenschaft, Wirtschaft, Ökonomie) und Communities (Nutzer, potentielle Nutzer und Nicht-Nutzer)
* Entwicklung von neuen Produkten, Ermittlung der Bedarfe, Nutzung Virtueller Forschungsumgebungen und die forschungspraktischen Folgen
* Nachhaltigkeit (z.B. Aus- und Weiterbildung, Umgang mit Ressourcen, neue Formen des Managements, Geschäftsmodelle, Rechtssicherheit)
Die erste Teilstudie T1 wird sich mit der Entwicklung und Nutzung von virtuellen Forschungsumgebungen im Kontext von TextGrid und C3-Grid befassen. Die zweite Teilstudie T2 wird die Institutionalisierungsprozesse von e-Science mit Fokus auf der Entwicklung von Kompetenzzentren als neue Interfaces der Wissenschaft im Kontext von TextGrid und C3-Grid analysieren. Beide Teilstudien werden nach den Rückwirkungen der neuen technischen und institutionelle Interfaces auf die Wissenschaft selbst fragen und damit empirisch fundierte Einblicke in die Entwicklung der e-Science in der Bundesrepublik Deutschland geben.
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