Die Digitalisierung des Verstehens. Drei Aspekte digitaler Wissenschaft und die Geisteswissenschaften
Hanno Birken-Bertsch
ABSTRACT
Der Slogan von der "digitalen Wissenschaft" wirft Licht auf drei sehr verschiedene Aspekte der Entwicklung der heutigen Geisteswissenschaften. Der erste ist der bekannteste, der zunehmende Einsatz allgemein zugänglicher Mittel und Quellen wie der Suche quer durch Digitalisate, wie sie durch Googlebooks u.a. möglich geworden ist. Bereits für diesen Einsatz gilt, daß er selbst dann, wenn er in den Publikationen noch kaum ausdrücklichen Niederschlag findet, ganz erhebliche Auswirkungen auf die Rahmenbedingungen geisteswissenschaftlicher Forschung hat: Was eben noch das Geheimwissen erfahrener Bibliotheksgänger war, ist plötzlich öffentlich zugänglich.
Der zweite Aspekt ist der Einsatz besonderer Mittel und Quellen. Die hier verwendete Software und die oft sehr gut aufbereiteten Daten entstammen der Arbeit von Spezialisten, die seit den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts die elektronische Datenverarbeitung - meist im Rahmen der Hilfswissenschaft "Humanities Computing" (Patrik Svenson, Humanities Computing as Digital Humanities, 2009) - auf geisteswissenschaftliche Fragen anwenden. Diese Fragen sind oft primär linguistisch, können aber, wie im Fall der Trierer Kant Indices, auch anderen, etwa philosophiegeschichtlichen Zwecken dienen.
Der dritte Aspekt ist die Anwendung natur- und sozialwissenschaftlicher Methoden auf Fragen der Geisteswissenschaften. Mag man den ersten Aspekt für trivial erklären und versucht sein, den zweiten als Angelegenheit einer Subdisziplin zu marginalisieren, so wird spätestens mit dem dritten Aspekt die Brisanz des Themas "digitale Wissenschaft" für die Geisteswissenschaften als ganze unübersehbar. Die Digitalisierung - sei es die allgemeine, sei es die spezielle - beschert den Geisteswissenschaften Daten. Daten kann man quantifizieren. Man kann an ihnen Hypothesen testen. Man kann mit ihnen Dinge machen, die Geisteswissenschaftler nicht gelernt haben.
Nun ist die Verteidigungslinie der Geisteswissenschaften gegenüber natur- und sozialwissenschaftlichen Methoden seit Dilthey bekannt: Das Verstehen, und zwar näherhin das Verstehen von Individuellem, sei nicht einholbar. Dem liegt ein bestimmtes Bild des Verstehens und des Gegenstandes des Verstehens zugrunde. Analysiert man vor diesem Hintergrund den ersten und zweiten Aspekt der Entwicklung der Geisteswissenschaften, zeichnet sich die Möglichkeit einer Rekonstruktion des Verstehens ab. Wird aber das Proprium geisteswissenschaftlicher Forschung selbst digital simulierbar, wird es zu einer Größe in Modellen menschlichen Handelns. Das Verstehen - und mit ihm die Geisteswissenschaften - würde zwar durchaus eingeholt, aber nicht aufgelöst.

