Open Access und die Konfiguration der Publikationslandschaften
Silke Bellanger (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern) & Dirk Verdicchio (Uni Basel)
ABSTRACT
In der wissenschaftlichen Praxis scheint Open Access nur Vorteile zu bringen. Da Open Access-Werke mit einem normalen Internetzugang von überall her zugänglich sind, entfallen die Notwendigkeit auf Zeitschriften über bestimmte IP-Adressen zu zugreifen ebenso wie die Kosten und die Wartezeiten bei Artikelbeschaffungen. Darüber hinaus, so zeigen einige Studien, erhöhen Open Access Publikationen die Sichtbarkeit von Artikeln und die Anzahl der Zitationen. Dennoch gelten Open Access-Publikationen in weiten Teilen der Geistes- und Sozialwissenschaften als eine exotische Publikationsform, während Closed Access als selbstverständliche Option gilt. Diese Selbstverständlichkeit von Closed Access ist bemerkenswert, wird hier doch das Ideal einer allgemeinen Zugänglichkeit wissenschaftlichen Wissens durch dessen Verknappung und die Informationsdienstleistung von Bibliotheken durch Warenerwerb ersetzt.
In unserem Vortrag wollen wir der Frage nachgehen, wie diese Selbstverständlichkeit des Closed Access hergestellt wird. Wir schlagen dazu eine Perspektivierung aus der Sicht der Akteur-Netzwerk-Theorie vor, mit der wir eine symmetrische Betrachtung der involvierten Akteure wie Forschende,Verlage, Bibliotheken, Forschungsgesellschaften, Datenbanken, Homepages von Informationsdienstleistern und anderen anstreben. Insbesondere die Arbeiten von Michel Callon zur Rahmung von Märkten und der Qualifizierung von Produkten erlauben die Frage nach den Grenzziehungen zwischen denjenigen Elementen, die als relevant oder irrelevant für die Etablierung eines Marktes gefasst werden. Indem die Aufmerksamkeit auf die Mittel der In- und Exklusion von Referenzen und auf Standards und Konventionen im Feld wissenschaftlicher Publikationen gelenkt wird, kann die Entstehung von Märkten analysiert werden, ohne dass die Selbstverständlichkeit von Märkten bereits voraus gesetzt wird.
Gegenüber den gängigen Argumenten für und wider Open oder Closed Access, verschiebt sich so der Fokus hin zu den materialen Praktiken und Verknüpfungen. Dadurch ergeben sich eine Reihe von Fragen, die wir in unserem Beitrag behandeln wollen: Welche Referenzsysteme werden für die Etablierung der Publikationslandschaften des Closed und des Open Access herangezogen? Welche soziotechnischen Elemente bedingen den Einschluss bzw. Ausschluss aus dem jeweiligen Publikationsmarkt? Welche Hilfsmittel, Werkzeuge und Instrumente werden zur Qualifizierung der Publikationen und damit zur Schaffung von Orientierungsmöglichkeiten auf dem Publikationsmarkt eingesetzt?l
« Hide